Wider die Gewalten der Natur – ein Unterwasser-Restaurant in Norwegen!

An der Südküste von Norwegen liegt, einem schräg an den Felsen gelehnten Betonklotz gleich, das größte Unterwasser-Restaurant der Welt auf stabilem Grund. Umschäumt von einmal wogenden, einmal spielerischen Wellen stemmt es sich den Gezeiten ebenso trotzig wie erfolgreich in den Weg.

Ich lasse mich im Restaurant an einem der geschmackvollen Tische nieder, mustere die im Raum geschickt inszenierten maritimen Dekorationsobjekte und beobachte durch die riesige Glaswand die weitläufige Welt unter Wasser. Eine außen auf der Glaswand befindliche Nacktschnecke, vielleicht drei oder vier Zentimeter groß, erregt meine Aufmerksamkeit. Ihre rot gefärbten Kiemen bewegen sich im Rhythmus der Wellen.

Auch einen kleinen Zwergsee-Skorpion sowie zahlreiche Muscheln und Seeigel kann ich ausmachen. Denn die voluminösen, olivgrünen Kelpblätter, die sich auf dem vor dem Restaurant befindlichen künstlichen Riff angesiedelt haben, eignen sich hervorragend, um diversen Meeresgeschöpfen Schutz und Zuflucht zu bieten.

„Nun haben Sie die Erfolgskomponenten unseres Unterwasser-Restaurants bereits kennengelernt.“ Nicolai Pedersen, dem 32-jährigen Chefkoch huscht ein Lächeln über das Gesicht. „Kulinarische Leckerbissen in den Speisekarten, eine außergewöhnliche Architektur sowie Einblicke in die faszinierenden Geheimnisse der Unterwasserwelt.“ Ich nickte beeindruckt und wusste: Um etwas derart Außergewöhnliches aufzubauen, benötigt man Verstand, Leidenschaft und auch eine Portion Glück.

Pedersen leitete gerade das Sterne-Restaurant Måltid in Kristiansand, als der Hotelier und Bauunternehmer Stig Ubostad auf ihn zukam und ihm ein Angebot unterbreitete, welches er kaum zu glauben wagte. „Als ich die Pläne und die ersten 3D-Modelle gesehen habe, fehlten mir die Worte vor Begeisterung. Ich wollte den Vertrag sofort unterschreiben“ erinnert sich der Koch.

Eine Symbiose von nassem und trockenem Universum

Der Name des ungewöhnlichen Restaurants, das in Form einer rund 35 Meter langen, imposanten Betonröhre geradezu besitzergreifend in den Fjord hineinragt, ist Programm und Wortspiel zugleich: Denn der Name „Under“ bezeichnet einerseits die außergewöhnliche und daher gut vermarktbare Lage unter Wasser und repräsentiert zugleich in der norwegischen Sprache das Wort für „Wunder“.

In der Tat, denn es handelt sich um das erste Unterwasser-Restaurant Europas und das größte seiner Art weltweit, bei Bedarf kann es sogar als maritime Beobachtungsstation dienen. Obwohl lediglich fünf Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, werden durch stürmische Wellen sowie das typisch intensive Blau der See beim Besucher abenteuerliche und aufwühlende Gefühle hervorgerufen, die auf der Webseite des Restaurants fotografisch gekonnt eingefangen und aufmerksamkeitswirksam in Szene gesetzt wurden.

Bereits der Zugang zum Gourmettempel stellt ein kleines Abenteuer dar. Man betritt eine schmale Gangway, lässt das Eingangsportal samt der Terrasse mit ihren glänzenden Eichenbohlen hinter sich, passiert die Garderobe und gleitet langsam in immer blauer und exotischer anmutende Gefilde ab, die eigenen Schritte führen dabei unaufhaltsam weiter in die Tiefe.

Ansicht Eingang

Schon der Zugang ist spektakulär

Elementare Urängste wechseln sich mit einem kribbelnden Bauchgefühl ab und man hat das Gefühl, als könnte einem in diesen grottenähnlichen Gängen jeden Augenblick die Gestalt des visionären französischen Autors Jules Verne begegnen, der mit seinem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ weltweite Berühmtheit erlangte. Ob Verne damals erahnte, dass Menschen jemals so kühn sein werden, ein Unterwasser-Restaurant zu bauen?

Ich treffe mich mit Kjetil Thorsen, dem 60-jährigen Gründer und Teilhaber des renommierten Architekturbüros Snøhetta, welches über Niederlassungen in Oslo, Paris, New York und San Francisco verfügt und bereits architektonische Bauwerke wie die Bibliothek von Alexandria und die Osloer Oper erfolgreich realisiert hat.

„Die Errichtung dieses Zentrums gepflegter Gastronomie unter der Wasseroberfläche war für unser Team Herausforderung und Neuland zugleich, denn wir hatten bereits in der Planungsphase die Auswirkungen von Naturkräften einzukalkulieren, mit denen man bei der Umsetzung konventioneller Architekturvorhaben keinesfalls rechnen muss“, so der Architekt und Ingenieur. „Damit meine ich nicht nur jene wuchtigen Wassermassen, deren Vorhandensein hier allgegenwärtig ist, sondern vor allem auch die speziellen Anforderungen an die Statik von Bauwerk und Fundament, welche in eine rahmengebende Konstruktion von extrem hoher Stabilität einfließen mussten, da nicht zuletzt auch hohe Windgeschwindigkeiten bzw. die Möglichkeit von Seebeben zu berücksichtigen waren.“, so Thorsen.

Um derartigem Unbill dauerhaft Widerstand leisten zu können, wurde das Restaurant auf einem in der Nähe vor Anker liegenden, frei schwimmenden Ponton (eine Art Hohlkörper) in Massivbetonbauweise errichtet. Im Bestreben, tosenden Wellen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, wurde der Oberfläche des Gebäudes eine aerodynamische – oder wie es in diesem Fall eher heißen muss – aquadynamische Bogenform verliehen.

Ansicht Baustelle

Eine Konstruktion aus massivem Stahlbeton

Nach einigen Monaten schließlich ausgehärtet, wurde der rund 1600 Tonnen schwere Koloss im Juni 2018 unter Zuhilfenahme luftgefüllter Tarierballons sowie zahlreicher Zugseile an die vorgesehene Stelle gelotst, wo er heute würdevoll thront. Die Verankerung kann sich sehen lassen: Nicht weniger als acht Schraubbolzen, jeder mit dem Durchmesser eines durchschnittlichen männlichen Oberarms, wurden von einer Unterwasser-Spezialeinheit in mehreren Tauchgängen festgezogen.

Probleme mit der Verankerung sind unabhängig von der Kraft der Naturgewalten damit praktisch ausgeschlossen und die Gäste des Lokals können in sicherer und gemütlicher Atmosphäre ihr Dinner genießen und dabei die Schönheiten der Unterwasserwelt bewundern.

Lichteffekte im Dinnerpreis inbegriffen

Abends erstrahlt der riffartige Teil jenes Fjordes, der dem Under vorgelagert ist, in hellem künstlichen Licht, worauf im Restaurant das über elf Meter breite und drei Meter hohe Panoramafenster aus wasserdruckbedingtem 25 Zentimeter dickem Acrylglas auf einer Fläche von 33 Quadratmetern durch zahlreiche an der Decke befindliche Mini-Scheinwerfer wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Die Effekte verzaubern regelrecht, während die Weinkarten und Getränkekarten durchgeschmökert werden.

Eine Vorgangsweise, die abseits der visuellen Effekte auch durch praktische Gründe veranlasst wird. Denn die kleinen LED-Spots reichern das Farbspektrum des Meerwassers, welches durch die Reflexion des auf dem Weg in die Tiefe immer schwächer gewordenen Tageslichts eine bläulich-grünliche Färbung angenommen hat, mit den verlorengegangenen, aber erforderlichen Rotfrequenzen an und bringen die Wellenlänge wieder ins Lot.

Ansicht bei Nacht

Wäre das nicht der Fall, hätten die Gäste des Restaurant allesamt das Aussehen bläulich-blasser Wasserleichen. „Aber grenzt es nicht an Energieverschwendung, Wassermassen stundenlang zu beleuchten?“, wollen wir wissen. Die beiden Meereswissenschaftler Trond Rafoss und Kim Halvorsen – Projekt-Weggefährten der ersten Stunde – hören derartige Einwände wohl nicht zum ersten Mal: „Nun ja, die sieben Scheinwerfer, die in den Abendstunden die paar Kubikmeter Meeresfläche illuminieren, spielen im Verhältnis zu der Größe der Weltmeere und dem weltweiten Energieverbrauch wohl kaum eine Rolle. Auch fühlen sich manche Fische von der Beleuchtung sogar angezogen. Und jene, welche die künstliche Helligkeit nicht mögen, bleiben eben weg.“

Auf dem Weg zum Tourismus- und Wirtschaftsfaktor

Umgerechnet rund 7,2 Millionen Euro wurden in die Grundlagenforschung, Anpassungsentwicklung, Projektierung und Errichtung des gigantischen Unterwasser-Vorhabens investiert, zumindest ein Teil davon soll nun über den internationalen Tourismus wieder hereinkommen. Auf Tourismuszielen der norwegischen Südküste wie Bergen, Stavanger und den Hurtigruten aufbauend, hat der norwegische Fremdenverkehr seine Anfangsschwierigkeiten mittlerweile überwunden und schätzt natürlich einen Publikumsmagneten wie das Under als hoch willkommene Bereicherung des touristischen Angebots.

Jedenfalls schreckt der Blick in die Menükarten die Gäste keinesfalls ab, denn die Preise befinden sich jenseits der 200 Euro: Obwohl erst am 2. April 2019 offiziell eröffnet wird, sind die Tische im Aqua-Restaurant bereits bis Oktober 2019 ausgebucht.

Fotos: Instagram und Facebook „under“.

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